Rilke outgesourced
Dass das Internet und digitale Medien die Fortsetzung der Bibliothek mit anderen Mitteln sein können, bedarf keines Beweises mehr. Manchmal finden sich aber noch neue Illustrationen für diesen Umstand. So wie die Mail einer öffentlichen Bibliothek in einer bibliothekarischen Mailingliste, in welcher die Frage gestellt wird, welche Klassiker die Bibliothek noch als Buch vorhalten muss und welche die Kunden eh im Internet herunterladen:
Wir (eine Stadtbibliothek mit 23.000 Medien) sondern zur Zeit den Bereich „Schöne Literatur“ aus.
Aus Platzgründen stellt sich die Frage, ob klassische Literatur in öffentlichen Bibliotheken noch vorgehalten werden soll oder muss. Was ist zeitgemäßer Grundbestand Literatur? Schiller, Goethe oder Shakespeare ist ja nach meiner Meinung Grundbestand, aber brauche ich z.B. Rilke? Wer ein Rilke Gedicht benötigt, schaut im Internet nach und druckt es aus.
Dass eine kleinere Bibliothek Bestandsentscheidungen dieser Art treffen muss, ist normal und hat nichts mit mangelnder Achtung gegenüber Klassikern zu tun. Vom Aspekt der Kundenbindung finde ich es allerdings ein wenig bedenklich, den Rilkefan als Bibliothek einfach auf die Weiten des Internet zu verweisen - vielleicht wäre ja stattdessen ein Gedicht-Rechercheservice eine pfiffige Dienstleistung, die eine Stadtbibliothek ihren Kunden bieten könnte? Oder auch die Möglichkeit, Gedichte als Hörbuch vorzuhalten, um Menschen anzusprechen, die einen “klassischen” Gedichtband eher selten in die Hand nehmen, diese neue Medienform aber begeistert nutzen?
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